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Begriffs-Chaos aus Hamburg

09.06.2015
Die online-Ausgabe von HANDELSBLATT veröffentlichte am 04.06. einen Bericht zu zwei aktuellen Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) in Luxemburg.
In einem hier vorgestellten Fall ging es um die Klage der Andechser Molkerei Scheitz GmbH gegen die in 2011 erteilte Zulassung von Steviolglycosiden, den süßenden Inhaltsstoffen der Pflanze Stevia rebaudiana als Lebensmittelzusatzstoff. Die Klägerin hatte in der Klageschrift unter anderem kritisiert, dass Steviolglycoside ihrer Geschmacksgebung wegen eher als pflanzliche Lebensmittelzutat landwirtschaftlicher Herkunft oder als Aromaextrakt zulässig wären, nicht jedoch als Lebensmittelzusatzstoff. Lebensmittelzusatzstoffe sind Stoffe, die aus technologischen Gründen einem Lebensmittel beigefügt werden, wie es z.B. bei einem Konservierungsstoff klar der Fall ist. Die Klage wurde aus rein formalen Gründen nun abgewiesen.

Was das HANDELSBLATT jetzt dazu schreibt, ist stellenweise recht unsachlich.

Zitat: „Die Andechser Bio-Molkerei darf auch weiterhin keine Stevia-Süße in ihre Bio-Joghurts rühren.“

Fakt: Es war von Anfang an ein Bio-Tee der Stevia, keine Steviolglycoside (E 960), der den Bio-Joghurt versüßte und der in einem Bio-Lebensmittel zulässig ist. Selbstverständlich kann die Andechser Molkerei dies auch weiterhin tun. Dazu hat der EuGH hier nicht entschieden.

Unsinnig ist daher auch der folgende Absatz aus dem Bericht von HANDELSBLATT:
Zitat: „Andecheser-Chefin Barabara Scheitz war 2011 stolz: Auf der Nürnberger Biofach-Messe erhielt ihr Joghurt mit Stevia den Preis für das beste neue Produkt. Ausgerechnet ein Mittelständler setzte noch vor den großen Milchgiganten die pflanzliche alternative Süße in Szene. Kurz darauf war es mit der Freude vorbei: Andechser nahm den Joghurt vom Markt, weil Stevia erst von der EU für breitere Anwendungen zugelassen werden sollte.“

Fakt: Was Ende 2011 von der Kommission zugelassen wurde, sind die Steviolglycoside (E 960), nicht die Stevia. Die Stevia ist ein traditionelles Lebensmittel und braucht daher keine Zulassung. So entschied das Verwaltungsgericht in München in 2004. Es gab nie einen rechtlichen Zwang für Andechser, den Bio-Joghurt mit Stevia vom Markt zu nehmen. Es sind inzwischen noch andere Bio-Lebensmittel legal erhältlich, die mit Bio-Stevia gesüßt sind, wie z.B. Erfrischungsgetränke von Christinen Brunnen.

Im HANDELSBLATT ist weiter zu lesen:
Zitat: „Denn „E-Stoffe“ haben in Bio-Produkten nichts zu suchen. Stevia bleibt E960 – und damit für den Bio-Hersteller außen vor.

Fakt: Dem verantwortlichen Redakteur ist entgangen, dass einige Zusatzstoffe (E-Stoffe) zur Herstellung von verarbeiteten Bio-Lebensmitteln erlaubt sind. Weitere Zusatzstoffe wie eben Steviolglycoside könnten sehr wohl Zugang zu dieser Liste finden, wenn die Bio-Verbände dies fordern.
Wer das Gleichwertigkeitsabkommen nach der Durchführungsverordnung (EU) Nr. 126/2012 beachtet, wird feststellen, dass selbst der Verkauf eines Bio-Joghurt mit Bio-Steviolglycosiden in Europa rechtlich durchaus möglich wäre.

Beachten Sie also bitte: Stevia (getrocknete Blätter und wässrige Rohextrakte) sind nicht gleichzusetzen mit Steviolglycosiden, (E 960). Es sind lebensmittelrechtlich völlig unterschiedliche Begriffe und damit Zutaten, die unterschiedlich zu deklarieren sind. Hersteller haben sich danach sehr strikt zu richten. Journalisten sollten das ebenso tun, wenn sie sachlich, glaubwürdig und kompetent informieren wollen.

Um zu einer solchen Rechtssache professionell zu berichten, sollte man das komplexe Thema erfassen und eine richterliche Entscheidung lesen können. Da ist es mit Polemik alleine nicht getan.